95-jähriger jüdischer Zeitzeuge aus den USA – Ausgangspunkt für Stolpersteinverlegung in Ober-Ramstadt
„Erst war es nur ein Name, nur eines von vielen Opfern der Nationalsozialisten, die während des 3. Reichs großes Leid ertragen mussten.
Eine Geschichte wie viele andere, die furchtbar, aber trotzdem so weit weg und ungreifbar waren. Doch mit der Zeit wurde dieser Name viel mehr als das für uns.
Er wurde lebendig und holte eines der zahlreichen Schicksale aus der Anonymität der Masse.
Julius Bendorf ist für uns kein Fremder mehr, er ist eine reale Person, deren ganz persönliches Schicksal das schafft, was sonst kaum möglich ist.
Seine Geschichte berührt uns und nicht zuletzt durch seine persönlichen Briefe wird einem klar, dass die Vergangenheit viel näher ist, als man denkt. Sie ist nicht mehr bloße Geschichte, sondern traurige und grausame Realität, die vielleicht irgendwann vergeben, niemals aber vergessen werden darf.
Heute möchten wir auch Ihnen die Möglichkeit geben, diese Geschichte auf sich wirken zu lassen und zu verstehen, was uns so berührt hat.“
(Rebecca Blatz und Tamara Käsmeier, Schülerinnen der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule)
Dies war die Anfangsrede zweier Schülerinnen der Georg-Christoph- Lichtenberg-Schule zum Auschwitzgedenktag am 27. Januar im Prälat-Diehl-Haus in Ober-Ramstadt.
Gemeinsam mit den ortsansässigen Kirchen, der Stadt Ober-Ramstadt und insbesondere durch das besondere Engagement der Oberstufen-Projektgruppe der Lichtenberg-Schule, wurde unter dem Motto: „Hinsehen statt wegsehen“ den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus gedacht.
Nach den einführenden Worten von Bürgermeister Werner Schuchmann mit einem Appell an die Unantastbarkeit der Menschenwürde, las Klaus-Dieter Jung von der freikirchlichen Gemeinde einen Psalm. Pfarrer Ernst-Werner Knöß erinnert daran, dass sich die Befreiung aus den Konzentrationslagern zum 65. Mal jährt und mahnt gleichzeitig in der Gegenwart nicht noch mal in die Fehler von damals zu verfallen. Den Abschluss bildete Diakon Gerd Wagner der katholischen Kirchengemeinde Liebfrauen mit der Fürbitte und der Wanderung zur ehemaligen Synagoge mit anschließendem Gedenken an die Opfer.
Ein besonderes Augenmerk bei der Erinnerung an ehemalige jüdische Mitbürger fällt hier auf den NamenJulius Bendorf.
Ein heute, in den USA lebender, 95-jähriger Überlebender des Holocausts, der in Ober-Ramstadt geboren wurde und langjähriges Mitglied vieler Ober-Ramstädter Sportvereine war, fiel im Rahmen von Recherchearbeiten zur NS-Geschichte Ober-Ramstadts den Oberstufenschülern ins Auge.
Seit 2007 engagiert sich diese Projektgruppe mit großer Begeisterung für die jährliche Gestaltung des Auschwitz-Gedenktages. Zusammen mit ihrem Lehrer, Herrn Höflein, sind sie, durch Nachforschungen im städtischen Museum und im Darmstädter Staatsarchiv, auf einen jüdischen Überlebenden aus der damaligen Zeit gestoßen und haben Kontakt zu ihm aufgenommen.
Julius Bendorf wurde am 04. Januar 1915 in Ober-Ramstadt geboren, nach 1933 aus allen Sportvereinen ausgeschlossen und später in Arbeitslager von Paderborn, nach Bielefeld bis nach Auschwitz transportiert.
„Ich habe mich immer als Deutscher gefühlt, nie als Jude“ (Julius Bendorf)
„Warum schaust Du weg, Bub? Ich habe Dir doch nichts getan?“ (Katharina Bendorf)
Deutscher und doch wieder nicht Deutsch. Eine Klassenteilung die in einem unbegreiflichen Fanatismus endete und sechs Millionen Juden das Leben kostete.
Einer der davon berichten kann, ist Julius Bendorf.
Die Schüler haben den Kontakt zu ihm in den USA gesucht und durch Briefkontakt ein Bild vom Menschen und der Zeit damals bekommen. Er war plötzlich kein Fremder mehr, sondern die Vergangenheit rückte durch seine Erzählungen wieder näher.
Initiiert durch die Projektgruppe der Lichtenberg-Schule werden nun durch den Künstler Gunter Demnig im Rahmen der 700- Jahrfeier der Stadt Ober-Ramstadt, am
13. März um 14:00 Uhr,unter anderem vor dem ehemaligen Haus der Familie Bendorf, in der Darmstädter Straße 22, Stolpersteine verlegt. Weitere Steine werden für die Familie Wartensleben in der Darmstädter Straße 34 und Baustraße 6 platziert.
Drei Steine werden von den Schülern gestiftet, ein Stein von Bürgermeister Schuchmann als Privatperson. Weitere Paten für das Bürgerschaftsprojekt wurden gefunden.
Herr Bendorf, wurde hierzu extra von der Stadt Ober-Ramstadt aus den USA eingeladen und wird an den Gedenkfeierlichkeiten teilnehmen.
Auf einem am Auschwitzgedenktag gezeigten Video, das die Schüler aus den USA erhielten, skizzierte Julius Bendorf seine Lebensgeschichte und endete mit den Worten:
„Vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung, wenigstens wollen sie es verstehen.“
In ihrem Bestreben von einem der letzten Zeitzeugen mehr über die damaligen Geschehnisse zu erfahren, freuen sich die Schüler und die Stadt Ober-Ramstadt auf die Begegnung im März.